Zurueck

Entwurfsprojekt

Ein inklusives Quartier f√ľr Reutlingen
Projekt D, Modul 1400. Wintersemester 2018/2019. Projekt in Kooperation mit dem Lehrgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen, Prof. Sascha Luippold, Lehrauftrag in Vertretung von Prof. Kleinekort: Dr. Ing. Björn Heckmat, Lehrbeauftragte: Dipl.Ing. Nathalie Steinfeld

 

Thema
Bundesweit existieren seit dem zweiten Weltkrieg unz√§hlige stadtteil√§hnliche Komplexeinrichtungen, in denen auf einer klar definierten, teilweise sogar noch umz√§unten Fl√§che Menschen mit Behinderung leben. In diesen, meist im Stadtrandgebiet liegenden, eigenst√§ndigen Quartieren finden alle Dinge des allt√§glichen Lebens statt, wie Wohnen, Arbeiten, Bildung, Freizeit, Gesundheitswesen usw. ‚Äď nur eben exklusiv f√ľr Menschen mit Behinderung. So auch im Reutlinger ‚ÄěStadtteil‚Äú Rappertshofen, einer Komplexeinrichtung die von der LWV-Eingliederungshilfe (einem urspr√ľnglichen Tr√§ger des Landeswohlfartsverbandes) auf einem Gel√§nde des KVJS (Kommunalverband f√ľr Jugend und Soziales) betrieben wird.Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Bundesrepublik Deutschland r√ľckt nun das Thema der Inklusion als gesamtgesellschaftliche Aufgabe mehr und mehr in den Vordergrund. Die Reform der Eingliederungshilfe und die Verabschiedung des Bundesteilhabegesetzes Ende 2016 sind Ausdruck der verst√§rkt auf Selbstbestimmung, soziale Teilhabe und auf Inklusion ausgerichteten professionellen und institutionellen Hilfen. Neben dem Recht auf Einzelzimmerbelegung und der freien Wahlm√∂glichkeit bei Unterst√ľtzungsleistungen ist eine der deutlichsten Folge eine starke Dezentralisierung der Angebote und Einrichtungen. Auf der einen Seite entstehen dadurch in vielen anderen Quartieren neue inklusive Stadtbausteine wie dezentrale Wohngruppen oder Werkst√§dten, auf der anderen Seite stellt sich aber auch als neue st√§dtebauliche Herausforderung die Aufgabe der Konversion ehemals zentral gedachter und exklusiv betriebener Komplexeinrichtungen.
In diesem Kontext soll das Gel√§nde Rappertshofen im Zuge des Strukturwandels der Einrichtung f√ľr k√∂rper- und mehrfachbehinderte Erwachsene und im Rahmen der Wohnbaufl√§chenoffensive 2025 der Stadt Reutlingen zu einem attraktiven und inklusiven Wohnquartier f√ľr alle B√ľrger, d.h. f√ľr Menschen mit und ohne Behinderung, entwickelt werden.

Ort
Das Planungsgrundst√ľck befindet sich im Norden Reutlingens zwischen der Rommelsbacher Landstra√üe im Osten und der B464 im Westen. Rappertshofen liegt relativ autark obwohl es noch zum direkten Siedlungsgebiet der Stadt geh√∂rt. Angrenzend befindet sich die Wohnsiedlung Orschel-Hagen westlich des Plangebites, getrennt durch die Rommelsbacher Stra√üe, sowie ein kleines noch nicht voll bebautes Gewerbegebiet im S√ľden des Gel√§ndes, hinter einer kleine Schrebergartensiedling. N√∂rdlich des Gel√§ndes kommt nach einer gr√∂√üeren Gr√ľnz√§sur Rommelsbach. Bei der Entwicklung des Standortes wird vor allem auch die bessere Vernetzung mit seiner Umgebung eine wichtige Rolle spielen.

Aufgabe
Das sozialpolitische und st√§dtebauliche Entwicklungspotenzial von Rappertshofen soll in Form eines urbanen und inklusiven Quartiers f√ľr die Stadtgesellschaft genutzt werden. Das Gebiet bietet zum einen die Chance, Wohnraum im Sinne der Reutlinger Wohnungspolitik und einer nachhaltigen Stadtentwicklung zu schaffen und bietet gleichzeitig das Potenzial zur F√∂rderung inklusiver Gesellschaftsstrukturen und Sozialr√§ume.
Die Teilnehmer erarbeiten ein zeitgem√§√ües Nutzungsprogramm unter den Anforderungen des sozial und funktional gemischten Wohnens f√ľr diesen besonderen Standort. Betreut durch die w√∂chentlichen Studio-Kritiken wird dieses Programm in einem weiteren Arbeitsschritt in einen zeitgem√§√üen und nachhaltigen Stadtraum und seine Architektur √ľbersetzt. Dabei k√∂nnen die bestehenden Bebauungsstrukturen abgebrochen oder teilweise weiter genutzt werden. Die Fragestellungen die das Projekt inhaltlich begleiten sind: Was sind die Potentiale des Standortes und was seine Probleme hinsichtlich der gestellten Thematik? Was kann, unter den genannten Parametern als tragf√§higes Konzept f√ľr den Entwurf dienen? Was f√ľr besondere Typologien des Wohnens sind Bausteine um das eigene Konzept zu f√∂rdern, und wie setzt man diese f√ľr inklusives Wohnen um?

Programm
Durch das Projekt soll innerhalb der gestellten Thematik den Fragen des Ma√ües der m√∂glichen Dichte nachgegangen werden. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Suche nach zeitgen√∂ssischen Wohnformen, die M√∂glichkeiten abseits der am Markt h√§ufig anzutreffenden L√∂sungen darstellen. Das Ziel ist es gesellschaftliche Formen des Miteinanders architektonisch und st√§dtebaulich zu artikulieren. Dabei ist der Titel des Projektes Programm: Es geht nicht um die Schaffung neuer gro√üer ‚ÄěSiedlungen‚Äú, sondern um die Entwicklung gemischter Quartiere f√ľr Jung und Alt, f√ľr Menschen mit und ohne Behinderung und f√ľr eine Mischung von gef√∂rdertem und freifinanziertem Wohnungsbau. Im Ergebnis sollen quartiersintegrierte Wohnangebote mit neuen Wohnformen von hoher staŐądtebaulicher QualitaŐąt entstehen die ein schwellenfreies und inklusives Miteinander erm√∂glichen.

Leistungen
Die erste Entwurfsbesprechung findet nach der Exkursion mit einem ersten ‚Äěr√§umlichen Entwurfsansatz‚Äú verbindlich an einem Arbeitsmodell (Ma√üstab 1:1000) statt!  Dieses Modell begleitet das Projekt in seinen Entwicklungsstufen durch das gesamte Semester.

1.) Schwarzplan Maßstab 1:2.500
2.) Lageplan Maßstab 1:1.000, unter Einbeziehung der weiteren Umgebung sowie der stadt- und landschaftsräumlichen Einbindung des Areals (Topographie, Gewässer etc.).
3.) Erl√§uternde Piktogramme zur Darstellung stadtr√§umlicher Parameter (z.B. Siedlungsstruktur, Verkehr, Freitr√§ume etc. sind erw√ľnscht.

4.) Lageplanausschnitt Ma√üstab 1:500 mit Geb√§udestruktur, Erschlie√üungstypologie und Au√üenraumbez√ľgen. Schwerpunkt in der Ausarbeitung der Freifl√§chendarstellung.

5.) Quartiersschnitte Maßstab 1:500 zur Vermittlung von Stadt- und Landschaftstopographie sowie Darstellung der wichtigsten öffentlichen Räume.

6.) Grundrisse, Schnitte, Ansichten ausgewählter Baukörper (Maßstab 1:200)

Vorgabe zu Effizienz der Wohneinheiten: BGF / HNF min 75%  /  Vorgabe Suffizienz: WFL pro Kopf max. 40qm bei einem ausgewogenen Wohnungsmix und speziellen Wohnformen f√ľr Menschen mit Behinderung.

5.) ein bis zwei perspektivische Präsentations-Darstellungen zur Verdeutlichung der räumlichen, atmosphärischen und architektonischen Qualitäten.

6.) Abgabemodelle (Quartier 1:1000  //  Geb√§udemodell Ma√üstab 1:200)

7.) Integrationsleistung Typologiestudien Wohnungsbau (s.u.)

Die Arbeiten werden an den Pl√§nen, Modellen und dem Kolloquium im Hinblick auf die bestm√∂gliche L√∂sung der Aufgabe unter Anwendung folgender Kriterien durch die Pr√ľfer gemeinsam begutachtet und bewertet:

1. Urbanistische Qualität (Qualität der Quartiersstruktur sowie der Neubauten im städtischen Kontext vs.
Signifikanz, Raumqualität)

2. Architektonische Qualität (äußere Formgebung und Aussage, Innenräume, Atmosphären, Aufenthaltsqualität, Erlebbarkeit und Nutzungsvielfalt der Wohneinheiten und der Freiflächen)

3. Funktionalit√§t (Erf√ľllung des Nutzungsprogramms, √§u√üere und innere Erschlie√üung, Zusammenhang √∂ffentlichen und privaten R√§umen)

 


Literatur
(Hrsg.) ACTAR, Barcelona, 2010: Total Housing - Alternatives to Urban Sprawl

Claus, Felix + Altiok, Medine: Lehre und Typus - Beispiele, Texte und √úbungen zum Wohnen in der Stadt, Z√ľrich, 2011

Chiffre, Lorenzo: Kultivierung des Gewöhnlichen, in: Drei Häuser in Wien, Sergison bates, Park Books, 2014

Ebbing, Georg: Der Eckgrundriss, Niggli Verlag, 2014

Faller, Peter: Der Wohngrundriss, Berlin, 2002

Harlander, Tilman: STADTWOHNEN, DVA M√ľnchen, 2007

Imhof, Lukas; Sik, Miroslav: Midcomfort, Ambra Verlag, 2013

Kleinekort, Volker, et.al.: Neuer Städtebau, Hrsg. Karl Krämer Verlag, Stuttgart, 2008

Kleinekort, Volker; Schmeing, Astrid: Die Siedlung in der Stadt, JOVIS Verlag, Berlin, 2016

(Hrsg.) kraemer Verlag: Neues Wohnen in der Stadt, Stuttgart, 2012

Komossa, Susanne: The Dutch urban block and the public realm, Vantilt, Rotterdam, 2011

Meier, Herrman: EUROPAN 9  - European Urbanity, NAI Publishers, 2008 (siehe auch www.europan.de)

Schneider, Friederike: Grundrissatlas Wohnungsbau, 4. Auflage, Basel, 2011

Schramm, Helmut: Low Rise - High Density, Horizontale Verdichtungsformen im Wohnungsbau, Wien, 2008

Kraft, Sabine: Die Grundrißtableaus. In: ARCH+ 176, Wohnen, Aachen, 2006, S. 51ff.

W√ľstenrot Stiftung [Hrsg.):  Wohnvielfalt. Gemeinschaftlich wohnen - im Quartier vernetzt und sozial orientiert. Ludwigsburg 2017